2019 - Rembrandt-Jahr (350. Todestag)

„Rembrandt!“

Vor 350 Jahren, im Jahr 1669, stirbt Rembrandt Harmenszoon van Rijn in Amsterdam. Bereits zu Lebzeiten eine Ikone, blicken wir auf ein Künstlerleben zurück, das durch die Jahrhunderte stets präsent und beachtet blieb. Ein Malergenie, dessen Leben von tragischen Schicksalsschlägen durchzogen ist. Neben Zeitgenossen wie Jan Vermeer und Frans Hals gilt er als einer der Epigonen der niederländischen Kunst.

Ein Musikprogramm entlang der Eckdaten von Rembrandts Leben führt in eine glänzende Epoche der Niederlande, die sich durch politische, gesellschaftliche und religiöse Umwälzungen auszeichnet. An der Schnittstelle zwischen dem strengen spanischen Katholizismus und dem vordringenden Calvinismus, der die Gegenreformation schließlich verdrängt, entstehen musikalische Mischformen und Neuerungen, die mit großen Namen der Musikgeschichte verbunden sind. Ein reiches Musikleben in einem erstaunlichen Klima der Toleranz entwickelt sich sowohl in der neuen Gesellschaftsschicht der Bürger als auch in der geistlichen Musik.

Concerto Foscari unter der künstlerischen Leitung von Alon Sariel entwirft ein musikalisches Kaleidoskop dieser Epoche: Der alles überstrahlende Name des damaligen Musiklebens ist Jan Pieterszoon Sweelinck, Organist und Komponist an der Oude Kerk in Amsterdam, dessen berühmter Ballo del Granduca zu hören sein wird. Ob der Engländer John Bull Sweelinck persönlich kannte, ist historisch nicht gesichert, zweifellos aber gehört er mit seinen letzten schöpferischen Jahren in Antwerpen zum bedeutenden Kreis der niederländischen Musikszene, die sich durch Exilanten wie Bull oder Peter Philips einer stilistischen Vermischung weit öffnete. Eine intime, dreistimmige Fantasie weist ihn als einen der großen Meister seiner Zeit aus!

Constantijn Huygens, Diplomat in Diensten des niederländischen Statthalters, Dichter und Komponist, vermittelt Rembrandt zahlreiche Aufträge am Hof in Den Haag, preist dessen Werk über „alles, was seit der frühesten Antike an Wundern der Schönheit überliefert ist“. In ähnlicher Weise setzt sich Huygens auch immer wieder für andere Küntler und Musiker ein, wirbt bei Prinz Johann Moritz für eine Anstellung des Gambisten Carel Hacquart an dessen Hof, dem Mauritshuis. 1686 erscheint Hacquarts Sammlung Harmonia Parnassia Sonatarum, woraus Alon Sariel eine Streichersonate ausgewählt hat. Dazu erklingt das einzige überlieferte Instrumentalstück aus der Feder Huygens' selbst, eine Allemande für Viola da Gamba.

Die politische Pluralität und kulturelle Aufgeschlossenheit der Niederlande spiegeln sich unmittelbar in der Musikproduktion und neuen Kompositionsweisen wider. Gerade in der Lautenmusik dominieren Vielfalt und Mischung der Stile, was geradezu exemplarisch in Emanuel Adriaenssens Canson Englesa und seiner Volte de France zu hören ist. Aus Adriaenssens Musicum pratum stammt die Almande Prince, ursprünglich für die Laute geschrieben. Dieselbe Melodie dient Jacob van Eyck nur wenige Jahre später für das patriotische Wilhelmus van Nassouwe aus dem Fluyten Lust-Hof und ist bis heute die niederländische Nationalhymne geblieben. Deren erste Textquelle, der Nederlantsche gedenck-clanck, führt weiter zu einem der wichtigsten „Identitätsschöpfer“ der damaligen Niederlande: Adriaen Valerius. Mit seinem gedenck-clanck, einem einzigartigen Kompendium an Gedichten und Melodien bezeugte er vehement die von der Bevölkerung ersehnte, kulturelle und politische Unabhängigkeit von Spanien. Die Worte eines seiner Protestlieder setzt er kurzerhand unter die schon damals berühmte Melodie der Pavane Lacrimae von John Dowland. Und jenseits der Grenze schreibt in diesen Jahren der wahrscheinlich aus den Niederlanden stammende Louis de Moy für den Hof der Grafen von Ostfriesland in Emden die Paduana d'Aurick.

Harmonisch kühne Triosonaten aus Orpheus Elianus è Carmelo in Orbem des Karmelitermönchs Bendictus Buns zeichnen neben Lautenmusik von Joachim van den Hove sowie virtuoser Gambenmusik Johannes Schencks ein musikalisches Bild der Zeit, das einem Gemälde Rembrandts an Komplexität, Tiefe und Eleganz der Farben gleicht. Der Hugenotte und Wahlniederländer Nicolas Vallet gründet eine Tanzschule in Amsterdam und tritt als Komponist der sogenannten Airs de Cour hervor: weltliche, von der Laute begleitete Strophenlieder. Und auch Peter Philips aus England sorgt mit seiner herausragenden Consort Music in ihrer stilistischen Vielfalt, beeinflußt von Reisen durch Italien, Spanien und Frankreich, in seiner endgültigen Heimat Antwerpen über die Grenzen hinaus für Furore. Mit freien Improvisationen wird Concerto Foscari im Verlauf des Konzerts nicht nur immer wieder die typisch historische Spielpraxis der damaligen Zeit aufgreifen, sondern gewissermaßen auf der musikalischen Ebene das Pendant zu Rembrandts stilistisch-bildnerischen Besonderheiten wie dem Orientalismus, seinem Chiaroscuro oder der eigenwilligen Schraffur seiner Radierungen verkörpern.

Der geradezu unstillbare Durst der Niederländer nach den Künsten, der Wissenschaft und der bürgerlichen Freiheit, beschert seinem Land das berühmte „Goldene Zeitalter“, das in ganz Europa ohne Parallele bleibt.

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Programm: Musik von Emanuel Adriaenssen, Benedictus Buns, Jacob van Eyck, Constantijn Huygens, Carel Hacquart, Joachim van den Hove, Nikolaus Kempis, Louis de Moy, Peter Philips, Johannes Schenck, Jan Pieterszoon Sweelinck, Nicolas Vallet, sowie Kompositionen aus dem Susanne van Soldt Manuskript und dem Thysius Lautenbuch.

CD Release: April 2019