Paul und die Mandoline

Die Inspiration zu dieser Geschichte erhielt ich durch Paul, der tatsächlich existiert und mit seiner Familie nicht weit von Lyon lebt. Er ist der Sohn von Freunden und seit seiner Kindheit wünschte er sich leidenschaftlich, die Mandoline zu spielen. Am meisten dachte ich jedoch an meine eigenen Neffen und Nichten. Im Moment sind es elf und einige von ihnen spielen schon Instrumente. Ich hoffe, daß ich ihnen mit Telemandolin eine Tür in die Welt der Barockmusik öffnen kann, eine Welt, in der ich das Privileg habe, schon länger zu leben und zu arbeiten.

Alon Sariel

Erster Teil: Paul und sein Traum

Vor mehr als 200 Jahren lebte einmal ein Junge namens Paul. Pauls Familie stammte aus der wunderschönen Stadt Mâcon an der Saône und pflegte eine lange Tradition und einen Namen als Fischer. Paul war noch zu jung dafür, aber er liebte den abendlichen Nachhauseweg mit seinen älteren Brüdern, oft gefolgt von den Dorfkatzen, und den Geruch der frisch gefangenen Welse. Mehr als alles aber bedeuteten ihm die kostbaren Momente, wenn er im Sand spielen konnte, Schlösser baute und von Rittern und Prinzen träumte, während die Fischer auf der Mandoline spielten. Diese Augenblicke gehörten nur ihm allein. 

Eines Tages, als Paul in der Sonne wieder einmal seinen Gedanken nachhing, fragte ihn sein Vater: "Sohn, hast Du jemals darüber nachgedacht, was Du einmal werden möchtest, wenn Du groß bist?" "Oh ja, Vater! Ich möchte die Mandoline spielen", sagte Paul. "Mandoline spielen?! Sohn, ich meinte vielmehr, was für einen Beruf möchtest Du lernen? Du weißt, niemand spielt dafür die Mandoline, es ist nur ein Zeitvertreib!" "Aber Vater", sagte Paul, "ich bin mir sicher, ich kann die Mandoline spielen, und ich wäre damit so glücklich, daß ich niemals mehr aufhören könnte. Es wäre der wunderbarste Beruf, Vater, das glaube ich von ganzem Herzen!"
"Nun, Sohn", sagte der Vater, "dann sollten wir besser einen richtigen Lehrer für Dich finden! Das Beste ist, wir gehen nach Versailles, alle großen Musiker sind dort, vielleicht finden wir jemanden, der Dich das Mandolinespiel lehren wird."

Paul konnte nicht glauben, was er gehört hatte, so saß er zunächst völlig erstarrt, bis es aus ihm herausbrach: "Wirklich?"
"So ist es", sagte sein Vater, "wenn es das ist, was Du Dir so sehr wünschst."
"Ich möchte es und danke Dir, Vater!"
"Geh' jetzt zu Bett", sagte Pauls Vater, "die Sonne ist fast untergangen und morgen bei Sonnenaufgang werden wir aufbrechen. Es wird wohl einige Tage dauern bis wir Versailles erreichen, deshalb solltest Du jetzt besser schlafen."
"Ich liebe Dich, Vater - Gute Nacht!"
"Gute Nacht"

So sehr Paul es auch versuchte, es war ihm unmöglich, Schlaf zu finden. So oft schon hatte er von Versailles gehört, dem Schloß, den Gärten, dem König und der Königsfamilie und natürlich von all den großartigen Musikern: Rebel, dem Violinisten, dem Flötisten Philidor, von Couperin und seinem Cembalo, Marais, der die Gambe unvergleichlich spielte, jedoch... nie von einem Mandolinisten. Würden sie tatsächlich einen Lehrer finden? Konnte sein Traum so greifbar nah sein?

Zweiter Teil: Die Reise

Einige Tage waren auf dem langen Marsch vergangen, Versailles noch immer weit entfernt. Der Weg war beschwerlich und der Himmel füllte sich mit dunklen Wolken. Pauls Rücken schmerzte und er vermisste seine Mutter und seine Brüder. Aber immer, wenn er aufgeben, die Tränen kaum noch zurückhalten konnte, sagte ihm eine innere Stimme: "Gib' Deinen Traum niemals auf!" Paul sah seinen Vater an und fast schien es, als hörten sie beide, klar wie ein Kristall, dieselben Worte. Sie umarmten sich und gingen unerschütterlich weiter.

Schließlich, in weniger als einer Woche, standen sie vor dem beeindruckendsten Anblick ihres Lebens, der selbst ihre kühnste Fantasie übertraf. Der große Kanal, die Bäume in exakter Ordnung und die goldenen Tore, hinter denen ein Ort jenseits der Wirklichkeit zu liegen schien!

Paul konnte seinen Augen kaum trauen, er war so aufgewühlt von all der Aufregung, daß er trotz der anstrengenden Reise seine erste Nacht in Versailles schlaflos durchwachte. Morgen würde der große Tag sein, er ging in das magische Schloß und dort würde er seinen Mandolinenlehrer finden! Es mußte einfach so sein!

Dritter Teil: Im Schloß

Der Morgen kam und sie gingen zum Schloß. "Wo sollen wir nur beginnen, wo uns vorstellen...?", dachte sich Paul. "Kann ich Ihnen helfen?", fragte da ein alter Mann, der im Schloß zu arbeiten schien.
"Ja... es ist mein Sohn, sehen Sie... er möchte die Mandoline erlernen, vielleicht können Sie uns sagen, an wen wir uns wenden sollen?" "Alors... die Mandoline... ich weiß es nicht, aber François Couperin weiß sicher Rat, sie nennen ihn "den Großen", der beste Musiker in den Diensten des Königs. Wenn sie ihn finden möchten, gehen Sie die runde Treppe nach oben, über der Königlichen Kapelle, sie finden sein Zimmer rechts - ich wünsche Ihnen viel Glück!"
"Merci!", riefen Paul und sein Vater aus einem Mund. Der alte Mann nickte freundlich und verschwand im Morgendunst vor dem Schloß.

Wenige Augenblicke später betraten sie das schönste Zimmer, das Paul jemals gesehen hatte, darin stand das beeindruckendste Cembalo, das der Junge sich nur vorstellen konnte. Die faszinierendste Präsenz jedoch in dieser für ihn atemberaubenden Umgebung strahlte der Mann aus, der dieses Instrument so meisterhaft bespielte. Die beiden entschuldigten sich für ihr Eindringen und trugen dem Meister ihr Anliegen vor.

"La mandoline? No, no, no...", sagte Couperin, "Ich könnte Dir das Cembalospiel beibringen, es ist die Königin aller Instrumente... zeig' mir Deine Hände... nun... die Beine...hmm... nicht schlecht, vielleicht Orgelunterricht?"

Paul fühlte sich bei dieser Examinierung unwohl und verstand nicht, warum Couperin so schnell sprach, er schüttelte den Kopf, während er noch versuchte zu verstehen, was dieser etwas seltsame Mann mit seinem auffallenden Dialekt sagte. "Nein?", sagte Couperin. "Ach, meine Herren... verstehen Sie doch, ich habe keine Zeit, viel Glück und auf Wiedersehen!"

"Er war nicht sehr angenehm, Vater!", sagte Paul, als die Tür sich hinter ihnen schloß. "Verzage nicht, Sohn, wir haben diesen langen Weg gewagt und ich bin sicher, wir werden den richtigen Lehrer finden. Ich hörte von Antoine Forqueray, der vor kurzem ein Stück für das Cembalo mit dem Namen La Mandoline geschrieben haben soll. Sicher wird er mehr Verständnis für die Mandoline haben."

Und so gingen sie durch Versailles, von einem Meister zum nächsten...

Forqueray schickte sie höflich weiter zu Robert de Visée: "Er ist der beste Gitarrist Frankreichs, und Deine Mandoline ist wohl nicht so weit entfernt davon, ihm mag es möglich sein, Dich zu unterrichten."

"Ich habe keine Zeit", sagte Visée. "Der König benötigt mich während des Frühstücks und allen anderen Mahlzeiten, an den Wochenenden, für Zeremonien..." Dann kam Marin Marais, er meinte nur: "Pardon? Ein italienisches Instrument? Ich spiele eine französische Viola da Gamba, eine Viola mit sieben Saiten! Weder interessiere ich mich für die Mandoline, noch hätte ich Zeit dafür!", womit er sie hinauskomplimentierte.

"Wie ungalant!", befand Paul, "und wie überheblich", fügte sein Vater hinzu.

Vierter Teil: Die letzte Chance?

Auf ihrem Weg aus dem Palast trafen sie wieder auf den alten Mann, den sie bei ihrer Ankunft gesprochen hatten. Er wandte sich ihnen behutsam zu und fragte bescheiden: "Und? Hast Du gefunden, was Dein Herz begehrte?"

"Oh nein", seufzte Paul, "aber mein Vater hatte wohl von Anfang an recht. Das Leben wird so weitergehen, wie es immer war. Ich werde Fischer und dieses magische Schloß wird nichts als eine Erinnerung bleiben."

"Ohh... nein... weißt Du, es gibt in Versailles dieser Tage einen deutschen Musiker zu Gast, es heißt, er spielt alle Instrumente dieser Welt... ! Sein Name ist Georg Philipp Telemann und ich sah ihn im königlichen Blumengarten nahe dem Kanal spazierengehen. Vielleicht versuchst Du es ein letztes Mal bei ihm!"

Der alte Mann lächelte ihnen ermutigend zu und Paul und sein Vater fassten neues Vertrauen. Alle Hoffnung hatten sie schon verloren, doch warum sollten sie diese letzte Möglichkeit nicht nutzen?

"Wir danken Ihnen für Ihre Freundlichkeit", sagte Pauls Vater, "wie heißen Sie, Monsieur?"

"Mein Name ist Marc-Antoine Charpentier. Aber dies ist nicht von Bedeutung, kommen Sie mit mir und ich zeigen Ihnen, wo Sie Telemann finden können!"

Wir wissen nicht, was danach genau geschah, aber die Legende sagt, daß Paul mit Telemann nach Deutschland reiste und einer seiner besten Schüler wurde! Manche meinten sogar, Paul habe einen beträchtlichen Anteil von Telemanns Musik für die Mandoline arrangiert, nur zu seinem eigenen Gefallen, und daß seine Aufzeichnungen irgendwo im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen sein mußten...

Möchtet Ihr nicht wissen, wie das klang? 
Nun, jetzt könnt Ihr das!

Ich hoffe, die Geschichte von Paul und der Mandoline hat Euch gefallen und Ihr seid nun bereit für diese wunderbare CD.

Gute Nacht!!